Anzeige

Amok: „Es gibt Warnzeichen im Vorfeld“

Amoklauf in Baden-Württemberg: nB-Gespräch mit Diplom-Psychologin Daniela Hosser über mögliche Prävention

Von Ingeborg Obi-Preuß


Amok – ein 17-Jähriger erschießt 15 Menschen. Die Tat erschüttert. Die nB sprach mit der Diplom-Psychologin Professor Dr. Daniela Hosser über einige der vielen Fragen, die jetzt in der Diskussion sind.

? Hat der Amoklauf eine Geschichte oder ist das ein relativ neues Phänomen?

! Das malaiische meng-amok ist der Ursprung des Begriffs und heißt, in blinder Wut angreifen und töten. Es ist kein neues Phänomen, aber es gibt offensichtlich bestimmte Zeiten und gesellschaftliche Umstände, in denen sich Amokläufe häufen.

? Welche Umstände sind das?

! Gewalttoleranz und Gewaltanreize zählen dazu. Untersuchungen zum Schulmassaker von Littleton in Colorado 1999 haben gezeigt, dass Nachahmung eine wesentliche Rolle spielt. Die Wissenschaftler haben bei ihren Recherchen nach dem Massaker weltweit mehr als 60 Androhungen und Taten von Gewalt nachgewiesen, bei denen sich die Täter eindeutig auf das Massaker von Littleton bezogen. Dieser Nachahmungseffekt konnte schon für Goethes Werther nachgewiesen werden, nach der Veröffentlichung 1774 kam es zu einer erhöhten Selbstmordrate unter jungen Menschen.

? Gibt es einen bestimmten Typ als möglichen Amokläufer?

! Es gibt Faktoren, die sich bei den untersuchten Fällen häufen: Eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur, das heißt eine Selbstverliebtheit, verbunden mit einer erhöhten Anspruchshaltung an sich und die Umwelt, die aber häufig nicht erfüllt werden kann. Gefährlich wird es, wenn dazu ein Mangel an Empathie kommt, also das Unvermögen, Mitleid zu empfinden und ein stark schwankendes Selbstwertgefühl. Aus diesen Schwankungen resultieren häufig Phasen tiefster Depression mit Selbstmordabsichten.

? Das bedeutet, dass es durchaus Warnhinweise gibt, die im Vorfeld einer Tat erkannt werden könnten?

! Ja, es gibt eine Chance, die extreme Wut baut sich langsam auf. Häufig gab es im Vorfeld eine positive Erfahrung mit Gewalt, zum Beispiel, dass sich der Täter nach dem Anschauen von Gewaltvideos deutlich besser fühlte. Hier sind auch Eltern gefordert, genau zu schauen, was ihre Kinder sich anschauen und in welcher Stimmung sie das tun.

? Ist Gewalt in den Medien ein wesentlicher Faktor?

! Unter Umständen ja. Daneben aber müssen wir insgesamt darauf achten, dass wir im Miteinander keine Gewalt dulden, dazu zählt auch rüpelhafter Umgang, oder gewaltverherrlichende Lieder.

? Ist Streit aber nicht auch normal?

! Unbedingt, es muss auch möglich sein, Missfallen deutlich zu äußern. Aber die schädigende Absicht hinter bestimmten Attacken, die darf nicht geduldet werden.

? Gibt es Konzepte für Schulen, um solche Taten verhindern zu können?

! Da sind vor allem die klassischen Forderungen: Kleinere Klassen, mehr Lehrer, damit die Lehrkräfte überhaupt die Chance haben, auf die Psyche eines einzelnen Schülers eingehen zu können. Hilfreich sind auch Schulpsychologen sowie ein Kummerkasten, in dem Jugendliche anonym mitteilen können, wenn ihnen an einem Mitschüler etwas verdächtig vorkommt.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.